Flipped Classroom und der Lerncoach in der digitalisierten Ausbildung

Selbst das Lernen hat vor der Digitalisierung nicht Halt gemacht. Die neuen multimedialen Möglichkeiten eröffnen wunderbare Lernformen. Hier ein Erklärvideo, dort ein Online-Lehrgang. Information ist schnell recherchiert.

Was als neue Chance erscheint, mutet oft wie Wildwuchs an. Lebenlanges Lernen ist angesagt. Doch ist Selbstbedienung im Internet wirklich die Lösung? Und welche Fähigkeiten sollten wir entwickeln und letztendlich der nächsten Generationen eröffnen, damit das lebenslange Lernen ermöglicht wird?

Wer rastet, der rostet – als nebenamtliche FH-Dozentin (IT insbesondere BigData-Technologien), treffe ich gerade in Weiterbildungskursen hin- und wieder auf Studierende, die beruflich vor 20 Jahren stehen geblieben sind, den Job verloren haben und jetzt versuchen, mit einem CAS-Kurs schnell mal die entstandenen Lücken zu füllen. Das ist nicht unmöglich, doch der Aufwand ist gigantisch. Nicht nur die entstandene fachliche Lücke ist zu schliessen, auch die neuen Lernformen müssen zuerst erlernt werden.

Die neuen didaktischen Ansätze fordern neben den Studierenden und Dozierenden an den Hochschulen auch die Schüler, deren Eltern und die Lehrpersonen in allen Schulstufen heraus.

Faktenwissen ist leicht beschafft

Die Zeiten sind vorbei, in denen der allwissende Lehrer vor der Klasse stand und Wissen in die Köpfe paukte. Viele alternative Informationsquellen stehen offen, in denen sich Schüler und Studierende jederzeit bedienen können. Faktenwissen ist schnell zur Hand. Doch Faktenwissen ist nicht mehr in gleichem Masse gefragt, wie noch vor 20 Jahren.

Heute muss jedermann in der Lage sein, sich Faktenwissen mit Hilfe der neuen Medien bei Bedarf zu beschaffen. Das ist doch einfach, sollte man meinen. Dazu ein Histörchen: Vor ein paar Jahren fragte mich ein mir bis dahin unbekannter Student an, er möchte eine MAS-Thesis in Medizininformatik zu einer Fragestellung in seinem Unternehmen schreiben. Es ging um eine immer langsamer laufende Datenbankanwendung, und man hatte ihn ermuntert, neue Datenbanken zu evaluieren. Er sagte mir, er würde dazu keine Informationen finden und er hätte doch schon überall gesucht. Wie ist das möglich? NoSQL-Datenbanken sind doch in aller Infomatiker Munde und wurden zu dieser Zeit gerade gehyped?

Orientierungsvermögen im Internet-Dschungel

Bald wurde mir klar, warum er keine Information dazu fand: Für ihn waren NoSQL-Datenbanken Neuland – im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu ein Vergleich:

Was tut der Tourist, wenn er eine unbekannte Stadt besucht? Er macht sich mit der Stadt vertraut. Dazu orientiert er sich an den Städten, die er kennt. Beispiel: Um eine längere Distanz zurückzulegen, braucht man beispielsweise einen Bus. Wie also sieht das Busnetz aus, wie sieht der Fahrplan aus und wie kauft man ein Billet?

Dass man einen Bus nehmen kann, weiss der Tourist aus Erfahrung. Ähnlich verhält es sich mit einem neuen Wissensgebiet. Ohne Grundlagen und ohne Erfahrung wird man keine Anknüpfungspunkte finden, um im Internet neues Faktenwissen zu recherchieren, sich zu orientieren und zurecht zu kommen.

Neue Lehr- und Lernformen in der digitalen Welt

Und gerade das ist die Herausforderung an die Aus- und Weiterbildung. Faktenwissen ist schnell beschafft. Die Erfahrungen um Anknüpfungspunkte zu finden, muss man als Lernender zuerst selbst machen. Das kann keine Lehrperson übernehmen und schon gar nicht, indem sie gescheit über eigene Erfahrungen und Weltbilder redet.

Was heisst das jetzt für modernen Unterricht? Fakten beschaffen, Bücher lesen, Videos schauen, das kann man auch ausserhalb der Schulstube erledigen. Die moderne Lehrperson wird den Unterricht umdrehen. Flipped Classroom heisst der Ansatz, manchmal ist auch von inverted Classroom die Rede: Die Studierenden erhalten Arbeitsaufträge, die vor dem Unterricht auszuführen sind. Lektüre, Videos erarbeiten. Die Unterrichtszeit wird jetzt dazu genutzt, praktische Erfahrungen zu sammeln. Es ist kostbare Zeit – alle haben den Termin reserviert und sind unter Umständen weit gereist, um anwesend zu sein. Und diese kostbare Zeit kann zielführend genutzt werden, indem Workshops durchgeführt werden, in denen die Studierenden das praktisch anwenden, was sie vor dem Unterricht in der Theorie erarbeitet haben und so eigene Erfahrungen sammeln.

Lehren neu lernen

Eine grosse Herausforderung für die Lehrperson: Sie mutiert jetzt zum Lerncoach, steht nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern stellt das Material zusammen, stellt Workshops zusammen mit praktischen Herausforderungen und hilft den Lernenden individuell weiter.

Eine grosse Herausforderung auch für die Studierenden: Noch immer ist in den Köpfen drin, dass man sich im Unterricht von der Lehrperson „berieseln“ lässt und sich anschliessend im stillen Kämmerchen die Zähne an den Aufgaben ausbeisst. Flipped Classroom fordert Disziplin, die Materialen vor dem Unterricht zu erarbeiten. Die Mühe wird belohnt, denn so kann während des Unterrichts erreicht werden, während der praktischen Arbeit mit dem Fachgebiet, die Fragen an den Experten zu stellen und zu lernen, sich zusätzliches Faktenwissen selbst zu beschaffen.

So wie der Tourist: wenn er noch nie von einem Tram gehört hat, dann wird er vielleicht vergeblich einen Bus suchen. Bis er jemanden fragt, der ihm dann erklärt, dass er mit dem Tram reisen soll.

Flipped Classroom gehört auch in die Grundschule. Die kommende Generation wächst ja mit dem Internet auf und muss befähigt werden, den Weg durch den Dschungel der Informationsmöglichkeiten zu finden und gefundene Faktenwissen in den eigenen Erfahrungen zu verankern. Und da müssen wir dafür sorgen, dass die jungen Leute eine passende Grundlage erhalten, auf die sie aufbauen können.

Fazit

Der Lerncoach zeigt den Weg und gibt idealerweise auch das Werkzeug in die Hand, den Weg durchs Dickicht selbst zu schlagen.

P.S.: Besagter Student hat übrigens ein anderes Thema gefunden, wo er sich auf vertrautem Terrain bewegte und in dem er seinen Abschluss machen konnte.

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