Lern-Duell Mensch versus Maschine

Kürzlich hörte ich im Tram folgender Gesprächsfetzen zwischen zwei jungen Erwachsenen: „Hast Du Dich schon für Deinen Traum-Job als Kreditspezialist beworben?“ „Nein, ich habe mich anders entschieden, weil dieser Job gemäss Zukunftsforscher mit über 90% Wahrscheinlichkeit von Robotern übernommen wird“.

Wow, dachte ich – offenbar ist die prognostizierte Automatisierungswelle in Bereichen, die bislang den Menschen vorbehalten waren, bei der „Digital Native“ Generation schon als Fakt akzeptiert. So wie einst das Handwerk von der industriellen Produktion abgelöst wurde, stehen nun auch wissensbasierte Berufe vor der Übernahme durch den Computer.

Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis uns Kollege Roboter auch in unseren menschlichen Parade-Disziplinen wie komplexe Kombinatorik, visuelle Wahrnehmung, räumliches Denken oder Geschicklichkeit verdrängt? Müssen wir uns langsam damit abfinden, dass Maschinen schneller lernen und besser entscheiden als wir Menschen?

Der Mensch denkt, die Maschine lenkt

Ich arbeite schon seit geraumer Zeit im Finanzbereich als Informatiker. Unsere Computer können eigentlich primär  das, was wir Menschen ihnen einprogrammiert haben: anhand von Regeln werden (Geschäfts-)Situationen beurteilt und automatische Entscheide getroffen, um damit Arbeitsabläufe zu automatisieren. Die Maschinen erledigen für uns die langweilige Fliessbandarbeit. Das Abhängigkeitsverhältnis ist klar definiert: der Mensch steuert die Maschinen! Aus Sicht der Informatik lauert die einzige Gefahr bei den kostengünstigeren Software-Entwicklungsangeboten aus Billiglohn-Ländern.

Für die Bänkler stellt sich jedoch eine ganz andere Herausforderung: auch im Finanzbereich ist der Trend zur Implementierung der nächsten Automatisierungsstufe ein Thema: die starre Programmierlogik weicht zusehends einem neuen Programm-Muster, bei dem Maschinen – ähnlich wie Kinder – durch Nachahmen stetig dazulernen (u.a. aufgrund Analysen von riesigen Datenmengen). Maschinen lernen mit komplexeren Aufgabenstellungen umzugehen und sind in der Lage intelligente, situationsgerechte Entscheidungen zu treffen. Stellt der Kreditspezialist eine Ausnahme dar oder stehen auch andere Berufsbilder vor der Ablösung durch eine maschinelle Superintelligenz?

Maschinen beginnen zu denken

Eigentlich hat der Trend der Verschmelzung von Mensch und Maschine schon längst begonnen: die Maschinen werden menschen-ähnlicher (z.B. mittels Artificial Intelligence oder Machine Learning) und gleichzeitig werden die Menschen immer maschinen-ähnlicher (z.B. Neuroprothesen). Wir Menschen stehen also seit geraumer Zeit im direkten Lern- und Leistungs-Zweikampf mit den Maschinen. Beide wollen in Zukunft schnellere, bessere und nachhaltigere Entscheidungen treffen. Intelligenter wäre es allerdings, anstatt gegen – mit den Maschinen zusammenzuarbeiten, um die menschliche Intelligenz und Lernfähigkeit symbiotisch mit den Maschinen zu vereinen.

Wer hat die Nase vorn?

Maschinen sind uns in einigen Disziplinen schon heute überlegen: sie arbeiten viel kostengünstiger (bis zu Faktor 10), fehlerfreier, rund um die Uhr, können schneller mit enormen Datenmengen umgehen oder gar Schach und Go spielen. Hat die Maschine uns Menschen bereits abgehängt?

Diese Frage stellte man sich schon im 1950! Damals wollte Alan Turing feststellen, ob eine Maschine dem Menschen ein gleichwertiges Denk, Lern- und Entscheidungs-Vermögen entgegenstellen kann. In seinem Test führt ein Mensch ohne Sicht- und Hörkontakt mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern eine Unterhaltung (der eine ist ein Mensch, der andere eine Maschine). Wenn nach der Befragung der Mensch nicht in der Lage ist zu entscheiden, wer der Mensch und wer die Maschine war, wäre das ein Beweis für ein ebenbürtiges Denkvermögen.

Menschen können es besser

Und hier ist die gute Nachricht: noch können die Computer gegenüber uns Menschen im Bezug auf die Interpretation der Sprache, komplexen Zusammenhängen, Musik, Bilder, Videos und Empathie nicht das Wasser reichen – aber die Resultate der Computer verbessern sich jedes Jahr unaufhaltsam.

Bleibt also die Frage, ob und wie wir Menschen auch in Zukunft die Kontrolle über die Maschinen behalten können (siehe dazu auch OpenAI). Hier sind ein paar Ideen, wie wir die natürliche Intelligenz besser nutzen könnten:

  • Die menschliche Kreativität ist noch ungeschlagen: selbst wenn heute Computer auch Bilder malen und Lieder komponieren können, basiert dies immer auf der Analyse von bestehenden Werken, also  historischen Informationen. Wirklich neue Dinge erschaffen, und sie auf ihre Nützlichkeit hin zu überprüfen, können wir Menschen effizienter. Fördern wir deshalb gezielt unsere Kreativität!
  • Menschen denken selbständig und können daraus sinnvolles Handeln ableiten. Maschinen müssen darauf zeitintensiv und aufwändig trainiert werden (ein Kind kann nach einmaligem Zuschauen selbst eine Pizza machen – bei der maschinellen Reproduktion ist das signifikant komplizierter und aufwändiger)
  • Angst lähmt; lernen wir von der Aikido Philosophie und setzen die Kraft/Stärken der Maschinen für unsere Zwecke ein – so wie wir zum Beispiel das Antiblockier-System in den Autos zum eigenen Vorteil nutzen
  • Wir können unsere „Software“ (Wissen) eigenständig und laufend erweitern und den veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Wenn man mit „veralteter Software“ herumläuft, dann hat man vermutlich die Chance zur Aus- und Weiterbildung nicht genügend wahrgenommen. Wir haben komfortable „Update on Demand“ Selbstbedienungs-Lernkioske eingerichtet (z. B. dank unseren eLibraries [1]), die allen zeit- und orts-unabhängige zur Verfügung stehen
  • Unsere „Hardware“ ist nicht davon abhängig, dass sich die Leistungsfähigkeit alle 2 Jahre verdoppelt (Moore’s Law). Die Natur hat gut vorgesorgt, weil unser Gehirn die Leistungssteigerung bereits inhärent mit mehr als 100 Billionen Synapsen unterstützt – auch wenn wir heute nur einen Bruchteil davon nutzen

Ich sehe dem Verlauf des Lern-Duell’s Mensch und Maschine und der steigenden Automatisierung zuversichtlich und entspannt entgegen. Ich freue mich darauf, dass immer mehr Routinearbeiten von Maschinen übernommen werden, so dass wir uns intensiver mit den wirklich spannenden Themen auseinandersetzen können. Das gilt insbesondere auch für die neue Generation von (Arbeits-)Robotern, die ich nicht als Job-Killer betrachte.

Auch heute gehe ich nicht in das Restaurant mit der schnellsten Bedienung und den günstigsten Preisen, sondern primär dorthin, wo ich mich wohl fühle – und da spielt die empathische Kommunikation mit Menschen eine grössere Rolle, als tiefe Kosten und maschinenschnelle Bedienung. Das Menschliche bleibt uns erhalten – wenn wir es wollen.

Wie seht ihr das? Wir freuen uns über Rückmeldungen auf der CoLearning-Plattform und bedanken uns schon im Voraus für jeden Kommentar [2]

[1] Wie zum Beispiel auf unserer öffentlichen und frei zugänglichen CoLearning-Plattform: http://co-learning.org

[2] Learning-Nugget Forum: habt Ihr Anliegen, Vorschläge oder Rückmeldungen zu dieser Kolumne? Wir haben dazu eigens ein Forum eingerichtet: https://co-learning.org. Bei der Erstregistrierung führt der Enrolment-Key “L-Nugget” direkt zum Forum.