Zwei Tage hat der Zertifikatskurs gedauert: Viele nette Leute kennen gelernt, Unmengen an Papierfliegern gefaltet, die Scrum-Rituale durchgespielt, die Rechnung bezahlt und ich bin ScrumMaster!

Wirklich? Kann das jeder so machen?

Das wirft die grundsätzliche Frage auf, was eine Tätigkeit zu einem Beruf macht. Wikipedia hilft weiter:

«Ein Beruf ist die im Rahmen einer arbeitsteiligen Wirtschaftsordnung aufgrund besonderer Eignung und Neigung systematisch erlernte, spezialisierte, meistens mit einem Qualifikationsnachweis versehene, dauerhaft und gegen Entgelt ausgeübte Betätigung eines Menschen. Der Begriff ist abzugrenzen vom umgangssprachlichen Ausdruck Job, der eine Erwerbstätigkeit bezeichnet, die nur vorübergehend ausgeübt wird oder nicht an eine besondere Eignung oder Ausbildung gebunden ist.»

Das stelle zwar die Situation in Deutschland dar, doch bisher habe ich das in der Schweiz nicht anders wahrgenommen.

Systematisch erlernt, spezialisiert und mit Qualifikationsnachweis versehen – Voilà – in meinen zwei Tagen ScrumMaster-Kurs war schon viel System drin. Doch kann ich unter «Beruf» in Zukunft wirklich ScrumMaster schreiben und mich als ScrumMaster bewerben?

Die Berufsberatung muss es doch wissen. Ich lese nach unter berufsberatung.ch, und da wird ScrumMaster tatsächlich als Beruf geführt. Unter Ausbildung erfahre ich:

«IT-Ausbildung auf Niveau berufliche Grundbildung oder höhere Berufsbildung oder Hochschule und Weiterbildungskurs Scrum»

Aha – das Minimum an Ausbildung ist also eine Lehre als Informatiker EFZ und dann die Zwei-Tage-Schnellbleiche.

Reicht das jetzt aus, um beruflich als ScrumMaster tätig zu sein und vom Scrum-Team auch ernst genommen zu werden?

Vielleicht gibt es ja solche Ausnahmetalente, das möchte ich nicht in Abrede stellen, doch ich habe meine Zweifel.

Ich frage im Kollegenkreis, was einen Berufs-ScrumMaster ausmache. Man ist sich einig: Alle haben eine solide Informatiker-Ausbildung, möglichst – aber nicht unbedingt – auf Hochschul-Niveau. Das ist unerlässlich, um das Team zu verstehen und dieses besteht ja typischerweise aus Software-Entwicklern und Software-Ingenieuren.

Doch ein ScrumMaster braucht noch mehr: eine grosse Affinität zum «Business», um zwischen End-User und Entwickler vermitteln zu können, psychologisches Gespür, viel Verhandlungsgeschick und Fingerspitzengefühl. Ein gesundes Selbstwertgefühl, sowie ein starkes Rückgrat, um selbst nicht unterzugehen, sind unerlässlich. Und viel, viel Erfahrung – gerade dann, wenn agiles Vorgehen im Unternehmen neu ist.

Gibt es denn dazu eine systematische Ausbildung (ich erinnere an Wikipedia)? Nein, denn sonst würde sie schon längst angeboten, würde mehrere Jahre dauern und viel, viel Geld kosten.

Wie sieht es denn mit anderen Informatiker-Berufen aus? Datenbank-Administrator, beispielsweise? Wie wird man DBA? Gibt es da eine systematische Ausbildung, die zu diesem Beruf hinführt? Berufsberatung.ch hilft wieder weiter.  Unter Ausbildung zum DBA steht da:

«In der Regel berufliche Grundbildung als Informatiker und gute Kenntnisse in der Arbeit mit Datenbanken.»

Hmm, das erinnert doch an den ScrumMaster, oder? Ich forsche weiter und suche nach Software-Entwickler und finde Software-Ingenieur. Das steht unter Ausbildung:

«Studium an einer Fachhochschule oder Universität / ETH».

Man studiert also Informatik, so gut wie es geht: HF, FH, Uni etc., mit Abschluss BSc, MSc etc., und dann schlüpft man in die Rolle eines DBA, eines ScrumMasters, eines Software-Ingenieurs. Man wird typischerweise im Laufe der Karriere mehrere solcher Rollen einnehmen. In meinem Fall reichen die Finger beider Hände nicht mehr, um all meine bisherigen Rollen aufzuzählen (ich bin halt schon ein Fossil).

Doch halt: Kann jeder, der Mal Informatik studiert hat, jederzeit in jede Rolle schlüpfen?

Ich meine nein, denn dazu gehört auch eine ständige Weiterbildung und Spezialisierung «on the job», sei es mit einer ScrumMaster-Schnellbleiche, oder aber man bereitet sich auf neue Rollen mit einem CAS oder DAS oder MAS an einer Hochschule vor. Mit informeller Weiterbildung, beispielsweise durch den Besuch von Fachanlässen oder virtuellen Veranstaltungen [1] streckt man die Fühler aus gegenüber ständigen Veränderungen, denen das Informatiker-Dasein unterworfen ist.

Mein Fazit:
Wer Informatiker ist und bleiben will, der kommt um lebenslange Weiterbildung nicht herum. Wer als Arbeitgeber gute Informatiker haben und behalten will, kommt nicht darum herum, diesen die lebenslange Weiterbildung zu ermöglichen und sie dabei zu unterstützen. Und seien es nur zwei Tage ScrumMaster-Kurs, um die Rituale durchzuspielen und viele nette Leute kennenzulernen.

 

P.S.: Wie ich gerade erfahre, entstehen jetzt erste Hochschulangebote:

 

[1] Wie zum Beispiel auf unserer öffentlichen und frei zugänglichen CoLearning-Plattform: http://co-learning.org

Learning-Nugget Forum: habt Ihr Anliegen, Vorschläge oder Rückmeldungen zu dieser Kolumne? Wir haben dazu eigens ein Forum eingerichtet: https://co-learning.org. Bei der Erstregistrierung führt der Enrolment-Key «L-Nugget» direkt zum Forum.